Interview : Haujobb

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Acht Jahre ist es her, dass mit „Vertical Theory“ das letzte Werk von Haujobb veröffentlicht wurde und nach einem kleinen RĂŒckzug und verstĂ€rkter Konzentration auf andere Projekte sind Daniel Myer und Dejan Samardzic jetzt mit neuer Single und neuem Album zurĂŒck und zeigen gleich mal eindrucksvoll, dass man die Szene auch heute noch bereichern kann und der Stillstand der eigentliche Tod ist. Ihre Single „Dead Market“ gehört zu den stĂ€rksten Tracks des Jahres und auch das Album „New World March“ [Review] legt die Messlatte sehr weit nach oben und ĂŒberzeugt bei gleichzeitiger Experimentierfreudigkeit durch Geschlossenheit auf hohem Niveau. Grund genug sich mit den beiden ausgiebig ĂŒber Haujobb, die Szene allgemein, die Nutzung von Social Media und vieles mehr zu unterhalten.

Hallo Daniel, Hi Dejan,

Steigen wir direkt ins GrundsĂ€tzliche ein, wie seid ihr zur Musik gekommen, was hat euch fasziniert und welche EinflĂŒsse haben euch zu dem gemacht, was ihr im kĂŒnstlerischen Sinne heute seid?

Dejan: Als ich noch „klein“ war ganz klar Elektronik. Angefangen Mitte der 80er mit Pop aus dem Radio, spĂ€ter kamen dann Sachen wie Skinny Puppy dazu, das ist allerdings wieder ein wenig verdrĂ€ngt worden. Zwischendurch gabÂŽs noch ÂŽne Metalphase. Im Großen und Ganzen war aber die elektronische Klangerzeugung am spannendsten, die hat aber leider heutzutage ein wenig an Faszination verloren.

Daniel:
Bei mir was es im Grunde genauso. Depeche Mode was die InitialzĂŒndung. SpĂ€ter dann noch Anne Clark etc… Alles, was man sich halt im Osten so besorgen konnte.


Seit dem letzten Album "Vertical Theory" sind 8 Jahre vergangen, viele neue Projekte (Destroid, Architect) und Kooperationen entstanden und nun doch wieder ein Lebenszeichen von Haujobb. Wie kam es dazu?

Dejan: Ein neues Album wollten wir schon immer machen, aber irgendwie rennt manchmal die Zeit davon.


Daniel:
Das ist nicht ganz richtig, in den acht Jahren ist nichts Neues entstanden. Die genannten Projekte gab es bereits. Wir haben ja auch nie aufgehört, zusammen zu musizieren. Nur hat sich das aufgrund der rÀumlichen Trennung etwas schwierig gestaltet.


Wie muss man sich den Entstehungsprozess fĂŒr ein neues Haujobb-Albums vorstellen?

Dejan: Eigentlich wie vermutlich bei vielen anderen auch. Demos werden hin und her geschoben. Mal sitzt jeder alleine da, mal experimentiert man zu zweit, in der Endphase aber auf jeden Fall zu zweit.
Zum ersten Mal haben wir ja auch „Fremde“ rangelassen, die uns mit ihrem kreativen Output versorgt haben, das hat Spaß gemacht.


Euer neues Album hat den Titel "New World March". Was genau steckt hinter dem Namen, einfach "nur" ein Neubeginn oder doch viel mehr?

Dejan: Ein Neubeginn auch, aber nicht nur. Ich bin ein Freund davon, nicht zu viel zu sagen, denn es schrĂ€nkt den Hörer ein. New World March kann vieles Bedeuten: Es kann böse sein, es kann gut sein. Es kann eine neuartige Diktatur sein, es kann eine Untergrundbewegung sein, Protestgruppe usw. In jedem Fall ist es aber die „Erfindung“ vom Autor Michael G. Stone, der den Text zum gleichnamigen Song fĂŒr uns schrieb.

Daniel:
FĂŒr mich ist es schon ein wenig mehr. Wir waren immer eine starke Band, haben den anderen gezeigt, wo es langgeht, hahaha. Zumindest habe ich das immer ein wenig so empfunden. In den letzten Jahren vor der letzten Show hat sich das alles sehr verwĂ€ssert. Vor allem der Release bei Out of Line und die damit einhergehende Einreihung in das Rooster des Labels hat uns sehr weit nach hinten geworfen.


Das Cover hat, wie schon bei der Vorabsingle "Dead Market" Christophe Dessaigne (http://www.midnight-artwork.com) entworfen und der Franzose hat wieder eine starke Arbeit abgeliefert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Daniel: Ich habe im Belio Magazine einen Bericht ĂŒber Chris gelesen und fand die dort gezeigten Arbeiten von ihm fantastisch. Daraufhin habe ich ihn ĂŒber Flickr kontaktiert und wir waren sehr schnell auf einer WellenlĂ€nge. Perfekt;)

Daniel, du bist seit ein paar Jahren fester Bestandteil bei Covenant und auf dem aktuellen Covenant Album "Modern Ruin" konnte man deinen Einfluss durchaus heraushören. WĂŒrdest du mir zustimmen, dass man z.B. bei „Let’s Drop Bombs“ auch dem neuen Haujobb-Album anhört, dass (auf anderer Ebene) eine Kollaboration mit Covenant besteht? Bei manchen Tracks wirkt es, als wĂŒrde die Zusammenarbeit mit Eskil und Joakim nicht nur bei Covenant kĂŒnstlerische FrĂŒchte tragen, sondern auch andersrum.

Daniel: Nein, die musikalische Zusammenarbeit hat denke ich keinen großen Einfluss auf die Arbeit mit Dejan. Ich meine, unbewusst beeinflusst alles einen KĂŒnstler, aber ich versuche schon, die einzelnen Projekte voneinander zu trennen. Nichtsdestotrotz (welch ein Wort, hahaha) hat Joakim uns bei einigen Texten unter die Arme gegriffen und ich bin sehr dankbar fĂŒr die Freundschaft mit ihm.


Die Single "Dead Market" erschien bereits vor einigen Monaten und gehört fĂŒr mich definitiv zu den stĂ€rksten Songs des Jahres, wenn nicht gar DER StĂ€rkste. Welche Tracks oder Alben anderer KĂŒnstler gehören fĂŒr euch zu den bisherigen Highlights 2011?

Daniel: Ich warte noch auf den Song und das Album, welches mich in diesem Jahr umhaut. Bisher hat mir das Bodi Bill Album sehr gefallen und Casper finde ich auch ganz groß. Das Album von Oliver Huntemann ist auch großartig. Schauen wir also mal, was das Jahr noch bringt.


Anders als viele "Emporkömmlinge" -Entschuldigung, Newcomer- des breiten "Gothic/Electro"-Genres setzt ihr angenehmerweise vornehmlich auf einprĂ€gsame Rhythmen und interessante SoundtĂŒfteleien jenseits des Mainstream und nicht auf Effekthaschereien wie Blut und nackten Tatsachen. Wie seht ihr die Entwicklungen in der Szene?

Daniel: Spontan fĂ€llt mir eigentlich nur „zum Kotzen“ ein…

Dejan:
Mit skeptischem Blick;). Es passt wohl auch in unsere Zeit der Gleichförmigkeit, dass es so wenig gibt, was heraussticht. Allerdings ist das vielleicht auch gar nicht wahr und es gibt Vieles, es erhÀlt nur keine breitere Plattform. Ich denke auch Labels sind mit schuld daran.


Was macht fĂŒr euch einen "wahren KĂŒnstler" aus?


Dejan:
Hm, ich denke, dass er nie zufrieden ist. Und dass ihm was fehlt, wenn er nichts erschafft.


Zur Freude vieler habt ihr eure Aussage vom Amphi Festival 2008 revidiert und tretet seit dem E-tropolis Festival 2011 trotz des Zeitfaktors wieder live auf. Was genau habt ihr vermisst oder ward ihr selbst einfach so angetan von eurem neuen Material, dass es eine Schande gewesen wÀre, dieses nicht mit der zusÀtzlichen Dynamik eines Gigs zu prÀsentieren?

Daniel: Wir gehören auf die BĂŒhne, unser Sound auch.


Dejan:
Ein wichtiger Grund dafĂŒr ist, dass man seine Musik kaum mehr durch Musikverkauf refinanzieren kann, trotzdem ist das erst mal nebensĂ€chlich. Ein innerer Drang live zu spielen ist wohl das Entscheidendere.


Wird es neben den bereits angekĂŒndigten Festivalauftritten (Neuwerk Festivals 2011, Planet Myer Day X und Amphi Festival 2012) auch eine eigene Tour geben auf die man sich freuen darf?

Daniel: Wir werden mit unserer Bookingagentur Neuwerk Music daran arbeiten.


Daniel, Du bist auch vielfach als Remixer unterwegs. Wie wĂ€hlst du die StĂŒcke aus, die deinen Feinschliff bekommen sollen? BeschrĂ€nkt sich das auf StĂŒcke, die im Ursprung schon deinen Geschmack treffen, reizt dich besonders die Herausforderung einen Track Myer-kompatibel zu machen oder bist du gar so heiß aufs Arbeiten, dass du keinen Remixwunsch ablehnen kannst? Wen wĂŒrdest du gerne mal remixen?

Daniel: Ich mache eigentlich nur noch Remixe auf Anfrage. Und ich muss auch vieles aufgrund von Zeitmangel absagen. Ich versuche bei Remixen immer das Beste aus dem Song hervorzuheben. Oftmals gelingt mir das nicht, aber manchmal geht mir dabei sozusagen selbst einer ab, ahahaha


Die Social Media nehmen im tĂ€glichen Leben immer mehr Raum ein, wie seht ihr diese Entwicklung, wie stark nutzt ihr diese Möglichkeiten fĂŒr eure Interessen und wo wĂŒrdet ihr die Grenze des "nicht mehr Vertretbaren" ziehen?

Dejan: Wir nutzen das sehr stark. Speziell ohne großes Label wĂ€re man sonst aufgeschmissen. Ich denke, ich lasse mich lieber von Google „ausspionieren“ um ihre Werbeeinnahmen zu sichern, als von CIA, BKA, Verfassungsschutz, also von kontrollsĂŒchtigen, paranoiden Regierungen. Die stellen nĂ€mlich ganz andere Dinge mit diesen Daten an, als nur Werbung effizient zu schalten.


Vielen Dank fĂŒr "New World March" und dafĂŒr, dass ihr euch die Zeit genommen habt unsere Fragen zu beantworten, alles Gute!

 
Das Interview mit Daniel und Dejan (Haujobb) fĂŒhrte Michael Gamon (November 2011).

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