Blackfield Festival 2011 – Gelsenkirchen, Amphitheater (25./26.06.2011)

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GeschÀtzte Lesezeit: 17 Minute(n)

Das Blackfield Festival hat sich langsam aber stetig zu einem interessanten, gutbesuchten Musikereignis allererster Klasse entwickelt. Die Bandauswahl ist sehr gut und auch die perfekte Location des Amphitheaters Gelsenkirchen, in der man von jeder Seite aus einen guten Blick auf die BĂŒhne werfen kann, tut ihr weiteres, um die besten Voraussetzungen eines gemĂŒtlichen Festivals zu schaffen. Grund genug fĂŒr Sparklingphotos auch in diesem Jahr wieder dabei zu sein.


Samstag, 25.06.2011:

Burn

 

Die Opener Burn sind mittlerweile keine Unbekannten mehr, erspielte sich die Band um SĂ€nger Felix bereits einen respektablen Ruf als guter Liveact (u.a. beim Wave Gotik Treffen 2009). Mit ihrem melodischen Wavepop zwischen „The Cure“ und „Escape with Romeo“ wussten die vier MĂŒnsteraner zu begeistern. War das Problem mit dem defekten Mikrophon erst einmal gemeistert, konnte man sich ganz auf den magischen Sog der Songs konzentrieren und die Band schaffte es spielend, trotz des schlechten Wetters die Fans zum Mitsingen zu animieren. DafĂŒr sind die eingĂ€ngigen Wavepop-Perlen definitiv geeignet. Die erste Band eines Festivals hat es ja bekanntermaßen immer schwer Stimmung zu erzeugen, aber diese HĂŒrde ĂŒbersprangen Burn ohne zu stolpern und schafften den perfekten Start des Festivals.

Setlist:
01. Burn For You
02. Ghost
03. Bunny
04. Bursting Clouds
05. Dirt
06. The Truth


Autodafeh


Elektronischer und hĂ€rter ging es dann mit Autodafeh weiter. Hier regierten die harten Beats und synthetischen Sounds. Die beiden Jungs prĂ€sentierten interessanten Schweden-Ebm und als Gastkeyboarder konnte man Tom von [:SITD:] bei der „Arbeit“ betrachten. Die Fans tanzten sich derweil warm und fĂŒhlten sich sicherlich an alte Zeiten erinnert, als die Electronic Body Music noch in den Kinderschuhen steckte. Denn Mika und Jesper outen sich ganz ungeniert als Fans dieser musikalischen Ausrichtung. Neu ist es sicherlich nicht, was die Band von sich gab, aber effektiv, sodass man die FĂŒĂŸe bei der Performance kaum stillhalten konnte.



Solar Fake


Auch der nĂ€chste KĂŒnstler ist bei weitem kein unbeschriebenes Blatt mehr. Sven Friedrich ist nicht nur bekannt als Kopf der Kultbands Dreadful Shadows und Zeraphine, sondern auch erfolgreich mit seinem Nebenprojekt Solar Fake, das eher die synthetischen Sounds celebriert. Besonders fĂŒr die weiblichen Fans hatte der Auftritt einen hohen Schauwert, sang der gutaussende Frontmann voller Hingabe und Schmiss seine synthiepoppigen Melodien des Albums „Broken Grid“, der „Resigned E.P.“ und des kommenden Werkes “Frontiers”, wobei die Klassiker genau so positiv aufgenommen und mitgesungen wurden wie neue StĂŒcke wie „Pain goes by“, der mit einer sehr schönen AtmosphĂ€re punkten konnte. Die sympathische Band ĂŒbertrug ihre gute Laune ins Publikum und spĂ€testens beim „Talk Talk“ Cover „Such a Shame“ war kein Halten mehr und es wurde getanzt und gesungen, dass es eine Freude war. Nach gefĂŒhlten fĂŒnf Minuten war die Show dann bereits vorbei und man konnte sich beschwingt auf den nĂ€chsten Act freuen.

Setlist:
01. The Shield
02. Pain Goes By
03. More Than This
04. Parasites
05. Here I Stand
06. Where Are You
07. Such A Shame (Talk Talk Cover)
08. The Rising Doubt


Absolute Body Control


Ohne große Ansage durch „Sympathikus“ Jens Domgörgen („X-Divide“) kamen Absolute Body Control leise, fast heimlich auf die BĂŒhne des Amphitheaters und zeigten sofort, wo der Hammer hĂ€ngt: minimale Synthies, monotone Sequenzen und hemmungslose Rhythmen. Die Band, die 1980 gegrĂŒndet wurde, besteht aus der Galionsfigur des belgischen Electro-Minimalismus Dirk Ivens („Klinik“, „Dive“ und „Sonar“) und Keyboarder Eric Van Wonterghem. Das Duo spielte einige Underground Hits wie z.B. „Figures“, welches jeder Dark-Wave-DiscogĂ€nger kennen sollte. Die Performance von „ABC“ war wie die Musik steril und monoton. Ivens sang im Grunde fĂŒr sich selber, so introvertiert kam er (oft mit geschlossenen Augen) herĂŒber. Aber lieber gute, ehrliche Musik als eine pompöse, bemĂŒht ĂŒbermotivierte Show. Die live modulierten Synths von Eric taten ihr Übriges um die Fans in VerzĂŒckung und in Tanzlaune zu versetzen. Leider musste die Show aufgrund des engen Zeitplans gekĂŒrzt werden, so lief das Playback noch eine Weile weiter, als die Musiker schon lĂ€ngst die BĂŒhne verlassen hatten.

Setlist:
01. Melting Away
02. Sorrow
03. Surrender no Resistance
04. Love at first Sight
05. Is there an Exit?
06. Figures
07. So Hard
08. Never Seen
09. Give me your Hands


Mono inc.


Mono inc. kann man getrost als einen der besten Senkrechtstarter der Szene beschreiben. Das Quartett besteht aus Martin Engler (Gesang, Schlagzeug), Carl Fornia (Gitarre, Gesang), Manuel Antoni (Bass, Gesang) und Katha Mia (Drums, Gesang). Live erprobt als Support von Subway to Sally und ASP brachte die Band zum Blackfield ihren eigenen Fanclub mit und somit war gute Laune und Stimmung vorprogrammiert und so steckte man auch „Noch nicht Fans“ mit dem „Mono-Fieber“ an. Mono inc. brachten eingĂ€ngigen Alternative-Rock mit hymnenhaften Charakter und das ließ sich mehr als gut genießen. Ungewöhnlich bei der Band aus Hamburg ist die weibliche Rhythmussektion mit Katha an den Drums, die auch einige StĂŒcke mit ihrem Gesang veredelte. Frontman Martin Engler in seiner Uniform hatte ein leichtes, die Zuhörer zum Klatschen und Tanzen zu animieren, z.B. beim Hit „Symphony of Pain“ und so war die Stimmung durchweg gut bis enthusiastisch, auch beim gelungenen „Iggy Pop“-Cover „The Passenger“.

Setlist:
01. This is the day
02. Symphony of pain
03. Viva Hades
04. Forgiven
05. The passenger
06. Voices of Doom
07. Get some sleep


Rabia Sorda


Rabia Sorda brachte dann wieder mehr Elektronik in das abwechslungsreiche Programm des Festivals, denn den Sound der Band lĂ€sst sich am ehesten mit melodischem Elektropunk beschreiben. Rabia Sorda, das man mit „taube Wut“ ĂŒbersetzen kann, preschten ungeniert nach vorne und sorgten mit harten Beats, stakkatoartigen Synth-Sequenzen und wĂŒtendem Gesang fĂŒr die richtige dunkle TanzatmosphĂ€re. Bei der energiegeladenen Show blieb kein Auge trocken und zur Regenfeuchtigkeit kam gehörig viel Schweiß dazu.
Das Sideprojekt von Hocico-Frontmann Erk Aicrag macht einfach Spaß und zeigt hier eindringlich, dass sich HĂ€rte und gutes Songwriting nicht ausschließen mĂŒssen. Der Mexikaner spielte eine ausgewogene Mischung der Alben Metodos del Caos (2006) und Noise Diary (2009) und Langeweile kam in keiner Sekunde auf. Auch konnte man miterleben, dass harter Electro und Livedrums (durch Schlagzeuger „Jeans“) effektiv und passend eingesetzt werden können, denn oft wirkt diese Symbiose einfach nur aufgesetzt. Ein gut gelaunter Erk hatte die Massen bereits schon nach dem ersten Track im Griff und spielte eine powervolle Show, von der sich die Fans wahrscheinlich mehr gewĂŒnscht hĂ€tten, wenn es nach ihnen gegangen wĂ€re.

Setlist:
01. This is the end
02. Out of Control
03. Radio Paranoia
04. Misery
05. Eye M the Blacksheep
06. Save Me from my Curse
07. Heart Eating Crows
08. Walking on Nails
09. Money Talks and Rots


Apoptygma Berzerk


Doch da hĂ€tte die nun folgende Band sicherlich etwas dagegen gehabt, denn die Norweger Apoptygma Berzerk scharrten bereits mit den FĂŒĂŸen. Umso Ă€rgerlicher war deshalb ein erneut nicht funktionierendes Mikrophon, dass der ersten Nummer „Love never dies“ in den ersten Minuten die Wirkung nahm. Dennoch feierten die Fans brav mit ihrer Lieblingsband APB, die alle im schicken „Kraftwerk“-Style Hemd rockten, bis die Scharte krachte. Einen absoluten GĂ€nsehautmoment konnte man miterleben, als die Band zusammen mit ihren Fans gemeinsam den Track „Kathy‘s Song“ intonierte. Ein Song, der in der Originalversion schon perfekt ist, in der Liveumsetzung aber so richtig glĂ€nzen kann. ErgĂ€nzt wurde das aktuelle Apoptygma Berzerk Lineup, zu dem auch Leandra Ophelia Dax an den Keys und Backing Vocals gehört, fĂŒr einen Song durch den ĂŒberraschenden Gastdrummer Joe Letz von Combichrist. Bezeichnend war es, dass APB fast ausschließlich alte Klassiker brachten und mit „Shadow“ nur einen Song der letzten, rockigeren Alben. Aus diesem Grund hatten wohl vornehmlich die Oldschool Fans ihre Freude und die Stimmung war dementsprechend gut. Interessant war das Cover des Peter Schilling NDW Hits „Völlig losgelöst“ in der englischen Fassung „Major Tom“. „You sing the Chorus in german“, animierte Stephan Groth die Massen und mithilfe von Leandra kam das sehr stimmungsvoll, fast sakral herĂŒber. Das perfekte Ende und einer der Highlights des ersten Festivaltages.


Setlist:

01. Love never dies
02. Paranoia
03. Kathy‘s song
04. Shadow
05. Starsign
06. Non-stop violence
07. Major Tom


Iamx


Der Auftritt der britischen Band Iamx begann mit piepsenden „distorted sounds“ und der BĂŒhnenaufbau glich einem unaufgerĂ€umten Wohnzimmer, so standen ĂŒberall Instrumente und Percussion eng an eng und auch die Musiker rotteten sich im rechten Bereich der BĂŒhne zusammen. Chris Corner (Vocals, Percussion, Keyboards), Janine Gezang (Keyboards, Backing Vocals), Caroline Weber (Drums) und Alberto Alvarez (Guitar) standen wie eine Einheit auf der BĂŒhne und spielten bis auf „Spit It Out“ ihre grĂ¶ĂŸten Hits und einige Songs aus dem aktuellen Album, welche in den Liveversionen besser wirkten als auf CD, denn hier atmeten sie VitalitĂ€t und Verve ein und entfalteten ihre wahre Pracht. Enfant Terrible und Paradiesvogel Chris (der am Anfang der Show mit einem Tuch vor dem Gesicht in Erscheinung trat) gab beim Blackfield alles: er spielte so viele Instrumente, wie es ihm möglich war, schmuste mit seinem Gitarristen, kroch immer wieder auf dem Boden herum und lieferte eine perfekte Show: sexy und mitreißend. Wie in einem guten VarietĂ© eben. Nur stimmlich war Mr. Corner nicht ganz auf der Höhe, einige Töne traf er erst gar nicht und war schnell heiser. Doch das machte nichts, denn mit Songs wie „Nightlife“, der mit seinem coolen Beat und Chris an Synths und Drums einfach genial herĂŒberkam, war das Publikum in Rage und tanzte den Regen einfach fort. Doch zwei Songs vor dem Ende des offiziellen Sets, begann der Frontmann mit dem Mikrophon gegen die Trommel zu schlagen und „No more“ zu grummeln, bevor er fluchtartig die BĂŒhne verlies und Backstage erst einmal umkippte. Da halfen auch die BemĂŒhungen von Tastenfrau Janine nichts („Come Back and Play!“), die Show musste verfrĂŒht abgebrochen werden. Trotz der (drogenbedingten?) verkĂŒrzten Show war dieser Auftritt das absolute Highlight von Tag Eins und die nachfolgenden Bands hatten es schwer dagegen anzuspielen.


Setlist:

01. Music people
02. Nightlife
03. Ghost of Utopia
04. My secret friend
05. Tear garden
06. Bring me back a dog
07. Nature of inviting
08. Cold red light
09. Kiss and swollow
10. President


Diary of Dreams


Auf der geheimnisvoll wirkenden NebelbĂŒhne traten nun Diary of Dreams auf den Plan, um als vorletzte Band die Menschenmassen zu begeistern. Mit einem Knall (besser gesagt mit einigen coolen pyrotechnischen Gimmicks) rockte die Band los, als wollte sie sagen: „hier sind wir, und hier bleiben wir!“.
Aber eigentlich braucht Diary of Dreams solche Showelemente nicht, denn mit ihrem dunkel-romantischen Rock und einem so charismatischen Bandleader hat die Gruppe bereits gewonnen. Adrian Hates (Vocals, Guitar), Gaun:A (E-Guitar, Vocals, Bass), Flex (E-Guitar, Vocals) und Dejan (Drums) verwandelten die BĂŒhne in ein Zauberland melancholisch-rockiger Melodien und das verfehlte seine Wirkung nicht. SpĂ€testens beim Song „TraumtĂ€nzer“, der in jeder DĂŒsterdisco auf dem Programm steht, schaffte es das „Tagebuch der TrĂ€ume“ das gut gefĂŒllte Amphitheater zu verzaubern und in Bewegung zu bringen. Auch die StĂŒcke des neuen Albums Ego:X wurden enthusiastisch beklatscht und haben ihre Live-Taufe mehr als gut ĂŒberlebt. Die atmosphĂ€rische Musik von Hates und Co. entwickelt live immer ein Eigenleben, so etwas sollte man sich wirklich nicht entgehen lassen. Wie in einem Hexenkessel brodelte die Stimmung bis zum Siedepunkt, bevor das Konzert dem Herzen nach viel zu frĂŒh endete und Platz machte zum ungleich elektronischeren Headliner.

Setlist:
01. Intro
02. The Wedding
03. Undividable
04. King of Nowhere
05. MenschFeind
06. Echo In Me
07. Unwanted
08. Nekrolog 43
09. Oddyssey Asylum
10. The Plague
11. Kindrom
12. TraumtÀnzer

And One


Viel Trouble gab es im Vorfeld um die Berliner Band And One, in einem Facebook Video betrauerten die langjĂ€hrigen Keyboarder Gio van Oli und Chris Ruiz mit einem lachenden und einem weinenden Auge ihren „Abschied“ aus der Band, um wenige Tage spĂ€ter ihr eigenes Projekt „Pakt“ anzukĂŒndigen, was von den Fans mehr als beklatscht wurde. Wer beim neuen Projekt singen wird, wird man in spĂ€tenstens 6 Wochen wissen, denn „Pakt“ kĂŒndigten mittlerweile an, beim kommenden M’era Luna Festival zu spielen. Und sogar auf dem Blackfield sah man hier und da einige Fans mit „Pakt“-T-Shirt umherwandeln. Da die ganze Sache fast wie ein gutgeplanter Hoax aussieht, kann man gespannt sein, wie die Sache sich nun entwickelt. Auf der And One Homepage konnte man jedenfalls nun nachlesen: And One is Steve Naghavi, Joke Jay und Rick Schah und in genau diesem Lineup kam die Band auf die BĂŒhne. Nach dem Motto „Bleibt alles anders“ preschte Steve sofort nach vorne und entzĂŒckte bereits mit dem Opener „FĂŒr“ in einer tanzbaren Version die Massen. In gewohnter Manier mit großer Klappe und großen Hits wie „Deutschmaschine“, „Technoman“ und „Steine sind Steine“ blieb wie immer kein Auge trocken. Dennoch wirkte die Band zerfahren und unkonzentriert – der Grund mag vielleicht an dem vorangegangenen „Skandal“ liegen. Ein Höhepunkt des Gigs war auf jeden Fall, als Joke Jay endlich nach langer Zeit sein geniales StĂŒck „High“ singen konnte. Steve: „Wer hatÂŽs geschrieben?“ Der musikalische Reigen ging von poppigen bis bodypoppigen StĂŒcken und das dynamische Trio schaffte es, den Regen an diesem Tag endlich zu stoppen. Das perfekte Ende des ersten Festivaltages also.

Setlist:
01. FĂŒr
02. Love & fingers
03. The secret
04. Timekiller (Project Pitchfork Cover)
05. Seven
06. Schwarz
07. High
08. Love you to the end
09. Sometimes
10. The walk (The Cure Cover)
11. Traumfrau
12. Zerstörer
13. Deutschmaschine
14. Over there
15. Men in uniform
16. Steine sind Steine
17. Wasted / Personal Jesus (Depeche Mode Cover) / Wasted
18. Get you closer
19. Techno man
20. Military fashion show

 
Sonntag, 26.06.2011:

Blitzmaschine


Die Newcomer Blitzmaschine, die EBM fĂŒr die Mittelschicht anbieten, machten am zweiten Tag des Festivals den Einstieg in den Musikgenuss leicht, denn wie mit einem Holzhammer meißelten sie ihre Message mit Nachdruck in den wolkenverhangenen Himmel: Tanzen bis der Arzt kommt! Mit Titeln wie „blondes MĂ€dchen“ „Swallow“, und „Blute jetzt“ (dem Reedit von SĂ€nger Holgers frĂŒherer Band „Collapsed System“) aus dem DebĂŒt Album "Faustrecht" im klassischen „Nitzer Ebb“ und „Front 242“-Style kam Bewegung in die Menge. Die englisch-deutschen Texte kamen einfach und klar herĂŒber und die Livedrums und puckernden Maschinen taten bei der „Elektronischen Körpermusik“ ihr ĂŒbriges und nach den letzten Tönen des Duos war man bereit fĂŒr die kommenden Attraktionen des Blackfield.


Stahlmann


Die Göttinger Band Stahlmann wurde erst 2008 gegrĂŒndet und hat sich schon jetzt einen guten Ruf als tolle Liveband beim Support von Doro, In Extremo und Saltatio Mortis erspielt. Die Jungs wollten dies auch auf diesem Konzert beweisen und das ist ihnen gelungen. Ihre Songs im Stil der „neuen deutschen HĂ€rte“ kamen sehr gut beim Publikum an und SĂ€nger Mart schaffte es leicht, ihre Fans zum Klatschen und Mitsingen zu animieren. Dass die AnhĂ€nger der Band oft weiblicher Natur sind kann man durchaus nachvollziehen, machten die silber bemalten Jungs eine recht ansehnliche Figur. Stilistisch zwischen Rammstein und Oomph! gelagert, rockten sie ihre deutschen Texte in den sonntĂ€glichen Morgen und sorgten fĂŒr gute Laune und Bewegungsdrang beim Publikum.


Sono


Nun schallten wieder elektronische KlĂ€nge durch die Arena, denn die „Fischköpfe“ Sono aus Hamburg waren an der Reihe. Letztes Jahr musste deren Auftritt leider ausfallen, stand die Band unglĂŒcklicherweise im Stau fest, dieses Jahr hieß es also den zweiten Versuch zu starten. Sono auf einem Gothic Festival zu sehen, hat immer etwas befremdliches, doch schaffen es Lennart A. Salomon (Gesang, Gitarre) Florian Sikorski (Keyboards) und Martin Weiland (Keyboards, DJ) einen BrĂŒckenschlag zwischen Synthpop und House zu schlagen und die „Schwarzkittel“ zum Schwitzen zu bringen. Der musikalische Reigen spannte sich ĂŒber Songs wie „All Those City Lights“, „Keep Control“ und natĂŒrlich „Blame“. Lennart: „Ach DIE sind das“. Von nordischer UnterkĂŒhltheit keine Spur: die lockere Performance, die poppig-housig-elektronisch um die Ecke kam, war einfach mitreißend. SĂ€nger Lennart, der jeden „Johnny Depp“-Lookalike Contest locker gewonnen hĂ€tte, brachte seine obligatorischen Gitarren-Spielereien, wĂ€hrend Florian und Martin ihre Synthsounds modulierten, wie auf einem echten Rave eben.


Reaper


Der umtriebige Musiker Vasi Vallis („Namnambulu“, „Frozen Plasma“) war nun mit seinem Projekt Reaper auf der BĂŒhne des Blackfield und schrie mit rot/schwarz bemaltem Gesicht seine Wut in die Menge. Perfekter Sound fĂŒr alle Cybergoths also, die sich sofort Richtung Stage bewegten, als die ersten Töne des Aggrotech Sounds erklangen. Im Vorprogramm von „Combichrist“ hat sich das Projekt seine Sporen verdient und hat im „Cyber-Industrial“-Bereich seit etlichen Jahren einen guten Namen. Titel wie „The Devil is Female“ und „Robuste Maschine“ sagen eigentlich alles, denn hier sind Melodien und echte Emotionen passĂ©, es regieren verzerrte Beats und blubbernde Elektronik. Zeit zum Durchatmen gab es sowieso nicht, tanzten die Fans bis hinauf auf die RĂ€nge, die Wolken bewegten sich am Himmel und machten endlich den Weg frei fĂŒr die Sonne. Danke Herr Valis!


A Life Divided


Mit den fliegenden Ameisen kamen „A life divided“ auf die BĂŒhne. JĂŒrgen Plangger (Gesang), Tobi Egger (Bass), Tony Berger (Gitarre), Korl Fuhrmann (Schlagzeug), Mike HofstĂ€tter (Gitarre) und Erik Damköhler (Keyboard, Gitarre) waren ausgezogen, um dem Publikum das Rocken beizubringen. Technisch brillant prĂ€sentierte die Band eine Mischung aus melodischen und rockigen Elementen ihrer Alben „Virtualized“, „Far“ und dem neuen Werk „Passenger“, ganz im amerikanischen Crossover Stil ĂĄ la „Linkin Park“. Die Band verbindet eine langjĂ€hrige Freundschaft zum spĂ€teren Liveact Eisbrecher, die die Gruppe 2007 auf deren Antikörper-Tournee unterstĂŒtzte, schließlich spielt A Life Divided Frontmann JĂŒrgen Plangger doch bereits seit 2006 auch Gitarre bei Eisbrecher Die dynamischen Jungs zeigten, wie gut sie ihre Instrumente beherrschten und zu den guten Kompositionen und Arrangements kam die Spielfreude der Rocker hinzu, die die Fans einfach mitriss. Auch sehr gut gelungen war die „Alphaville“-Coverversion von „Sounds like a Melody“, die in dieser Version sehr cool rĂŒberkam. Ein sehr guter Auftritt und eine absolut runde Sache also, die wohl dafĂŒr sorgte, dass die Band nach dem Konzert einige Fans mehr auf ihrem Konto verzeichnen konnte.


Assemblage 23


Statt der aus KrankheitsgrĂŒnden ausgefallenen Band Rotersand kam nun Assemblage 23 aus den USA in den Genuss zu spielen und das war alles andere als ein schlechter Ersatz. Nein, es war nicht Ronan Harris, der dort die Elektrofans begeisterte, sondern Tom Shear, das Mastermind des Projektes. Assemblage 23 begeisterte mit seinem melodiösen Futurepop vom Feinsten und nicht nur der Frontmann begann wĂ€hrend der Performance on Stage zu schwitzen, stiegen die Temperaturen an diesem schönen Sonntag doch stetig. Sich darĂŒber zu beschweren, wĂ€re jedoch Jammern auf höchstem Niveau. Der Sound, der aus den Boxen kam, hat wohl jedem VNV Nation Fan gefallen und trotz der eher bescheidenen stimmlichen Leistung Shears passten AtmosphĂ€re und Stimmung. Beim Abschluss Song hatten zumindest einige Zuhörer feuchte Augen.


Letzte Instanz


Die Dresdner Band ist seit Jahren eine feste GrĂ¶ĂŸe in der schwarzen Szene und war die erste der „mittelalterlichen“ Combos des Festivals und wirklich ein Fest fĂŒr Auge und Ohr. Stilistisch irgendwo zwischen Subway to Sally und In Extremo liegend, ergĂ€nzt durch einige Sprengsel „Nu Metal“, bot die Gruppe ihren Fans einen schönen Mix aus den 10(!) Alben der Band. Den Spaß am Spielen sah man den Musikern in jeder Sekunde an und diese hatte die Festivalbesucher gut im Griff. Der Gig war reich an einigen Highlights und die Band schaffte es leichter Hand, die Massen zum Mitmachen und Feiern zu animieren, mit dem Publikum zu scherzen und einfach gute Laune zu verbreiten. Die klassischen Instrumente wie Geige und Cello wurden perfekt in Szene gesetzt und erzeugten eine besondere Art von Stimmung. Interessant war u.a. das Thema von “Final Countdown” im Song “Finsternis”. Ein gelungenes Konzert, bei dem sich zeigte, wie wichtig der letzten Instanz der Kontakt zu ihren treuen Fans ist.


Combichrist


Das norwegische Musikprojekt Combichrist, gegrĂŒndet von Andy LaPlegua („Icon of Coil“) war ausgezogen, um das Amphitheater zum Wackeln zu bringen und das Konzert zu einem unvergesslichen Ereignis zu machen und das ist der Band auch gelungen. Zwar anders als geplant, aber fangen wir von vorne an. Direkt beim Opener zeigten die harten Jungs, wie man eine powervolle Show abzieht. Bei Joe Letz an den Drums hatten die Stagehands einiges zu tun, preschte er nĂ€mlich mit solcher Wucht auf die Felle, dass die Trommeln stetig umkippten und wieder aufgebaut werden mussten. Das gehörte natĂŒrlich zur Show, war aber sehr unterhaltsam anzusehen. Andy in Kriegsbemalung sorgte indes fĂŒr energetischen Industrial Sound, nichts fĂŒr Weicheier also. Die Show nahm ihren Verlauf und sollte einer der Highlights werden, bis mitten im Track das Playback aus dem (mit einem Apfel gekennzeichneten) Laptop arge Probleme machte und schließlich ganz abstarb. „CanÂŽt remember writing that Song!“ versuchte Andy die Panne zu ĂŒberspielen. Ganz ohne Technik kann man als Industrial Act natĂŒrlich nicht viel anfangen, dennoch versuchten die Jungs ein wenig zu improvisieren und schafften es sogar noch einige Fans zum Pogen zu bringen. „WhatÂŽs cool being in an Industrial Band? – Nothing!“ scherzte Perkussionist Trevor, aber es half nichts, die Show musste nach einer „Acoustic Body Music“ Einlage von „This Shit Will Fuck You up“ abgebrochen werden. Kurz bevor der nĂ€chste Liveact auf die BĂŒhne kam, tauchte Mr. LaPlegua nochmals auf, um sich persönlich bei den Fans in der ersten Reihe zu entschuldigen. Eine sympathische Geste eines AusnahmekĂŒnstlers.


Eisbrecher


Nun war es endlich Zeit fĂŒr die Eiszeit, viele Fans hatten bereits sehnsĂŒchtig auf die folgende Band gewartet. Es handelte sich um niemand anderes als die Band Eisbrecher, die zu Beginn des Konzertes in Winterjacken erschien und den Opener „Eiszeit“ intonierte. Sofort war das Eis getaut, kein Wunder, heizten die fĂŒnf Jungs gehörig ein und die prall gefĂŒllte Arena war im Nu in Feierlaune. Sie selbst bezeichnen ihren Sound als „Elektronischen Trip-Rock“. Egal eigentlich, wie man es nennt. Man kann auch einfach nur sagen: mitreißende Musik, denn harte Gitarrenriffs, hĂ€mmernde Rhythmen und klare deutsche Texte ĂŒberzeugten die Massen. SĂ€nger Alexx zeigte eindrucksvoll seine VielfĂ€ltigkeit. Nicht stimmlich, sondern er zelebrierte eher die Lust an der Verkleidung. Sei es mit Eispickeln in der Hand, mit MilitĂ€rkĂ€ppi oder Tirolerhut und Trachtenjacke (hier zeigte Alexx, nachdem er mit dem Publikum scherzte, dass er auch recht gut jodeln kann). Die besten Songs der bisher vier Alben wurden von der Band und den Fans gesungen und Langweile kam nie auf, auch nicht beim „Akustik“-Teil in der Mitte der Performance. Ein schöner Moment waren der Song „Wir sind Deutsch“, der mit TRIO Casio Sound begann und dann richtig abging und der Titel „Amok“, bei dem mĂ€chtig auf MetallfĂ€sser eingedroschen wurde. Eisbrecher prĂ€sentierten eine abwechslungsreiche Show, bei der so manch selbsternannte Graf zu Schwitzen begonnen hĂ€tte.


Schandmaul

Den Headliner des diesjĂ€hrigen Blackfield Festivals kann man ganz ungeniert als Megact bezeichnen und das nicht nur aufgrund der großen Besetzung der Band. Schandmaul bestehen aus: Thomas Lindner (Gesang, Akkordeon, Akustik-Gitarre, Klavier), Anna Katharina KrĂ€nzlein (Violine, Drehleier, Bratsche, Gesang), Martin Duckstein (Gitarre, Gesang), Matthias Richter (E-Bass, Kontrabass), Stefan Brunner (Schlagzeug, Perkussion, Gesang) und Birgit Muggenthaler (SchĂ€ferpfeife, Schalmeien, Rauschpfeife, Flöten, Gesang). Die Band ist wohl die wichtigste Mittelalter-Folk-Rock-Band Deutschlands und ist auf den großen BĂŒhnen der Republik zuhause. Und das, was die „MĂ€uler“ darboten, besaß wirklich einen hohen Unterhaltungswert. SĂ€nger Thomas war trotz Handicap durch Hand in der Schlinge zum Stimmung machen bereit und lies die Fans des Öfteren fĂŒr sich „arbeiten“. So durften die Massen Niederknien, Springen, Singen und Tanzen, was sie auch begeistert mitmachten. Beim Mittelalter-Sound von Schadmaul bekam man quasi Durst auf den einen und anderen Schluck Met und einige Fans schlabberten das GetrĂ€nk natĂŒrlich aus diversen Trinkhörnern. Interessant war es zuzusenden, wie die Gruppe alle möglichen und unmöglichen Instrumente spielte und die deutschen, oft lyrischen Songs waren einfach toll. Die Frauenquote wurde an diesem Tag durch die beiden Damen in der Band nicht ganz erfĂŒllt, die talentierten Musikerinnen waren dennoch eine Augen- und Ohrenweide. Gute Laune und lustige Fanaktionen machten die Performance zu einem kurzweiligen Erlebnis und waren der schönste Ausklang eines rundum gelungenen Festivals, den man sich vorstellen konnte.

Die kompletten Fotosets der aufgetretenen Bands folgen in KĂŒrze!

Autor: Frank Stienen
Fotos: Michael Gamon

 

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