Interview: Adrian Hates (DIARY OF DREAMS)

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Am 26.08.2011 erscheint mit "Ego:X" endlich ein neues Album von Diary Of Dreams, die sich gerade in den letzten Jahren durch viele Auftritte zurĂŒck ins GesprĂ€ch gebracht haben und u.a. im Vorprogramm von Unheilig [Review] dafĂŒr sorgten, dass sich auch viele neue "Fans" dringend nach Output sehnen. Nun ist es also soweit und hier habt ihr die Möglichkeit, Frontmann Adrian Hates‘ Sichtweise zu Ego:X, die Kooperation mit Sprecher Martin Kessler und vieles mehr nachzulesen und so die Vorfreude auf das Album noch weiter zu verstĂ€rken.


Inwiefern unterscheidet sich die Ego:X Albumproduktion von den VorgÀngern?

Eigentlich gleich keine unserer Albumproduktionen der anderen. Wir haben stets versucht, uns neu zu entdecken, um dem gewĂ€hlten Thema des jeweiligen Albums vollends gerecht zu werden. Manchmal verlangte das eine eher zurĂŒckgezogene und isolierte Arbeitsweise, manchmal war es aber auch nötig, das musikalische Team zu erweitern, um die musikalischen Visionen erfĂŒllen zu können. Ego:X entstand in mĂŒhevoller Kleinstarbeit. Jeder hat seinen persönlichen Beitrag geleistet und diverse GĂ€ste haben das Album mit ihrer Darbietung bereichert. Noch nie waren so viele Personen an einem unserer Alben beteiligt und noch nie haben wir mit so vielen akustischen Instrumenten gearbeitet. Wahrscheinlich ist Ego:X deswegen das Album, bei dem ich am meisten gelernt habe 
 fĂŒr mich und fĂŒr DOD.


Was war die Ursache fĂŒr die Verzögerungen und Verschiebungen des Veröffentlichungszeitraums?

Immer wieder durchlebte ich in dieser Produktion den Moment, in dem ich entscheiden musste, ob ich das Album so belassen möchte, wie es zu dem Zeitpunkt klang, oder eben das umsetze, was mir gerade als neue Vision durch den Kopf schoss 
 So entschied ich mehrfach, das gesamte Album vollkommen neu zu ĂŒberarbeiten und den Gesang, die Gitarren, das Schlagzeug und den Bass noch einmal komplett neu aufzunehmen. NatĂŒrlich kostete das Unmengen an Zeit, aber in meinen und unseren Augen war und ist es eben das, was das Album uns abverlangt hat und heute auch ausmacht. Das grĂ¶ĂŸte Ego bei dieser Produktion hatte jedenfalls kein Mensch, sondern das Album selbst!

Ganz pragmatisch gesehen hat natĂŒrlich auch gerade die Tatsache, dass so viele Menschen an diesem Album beteiligt waren, dafĂŒr gesorgt, dass im Punkto Planung und Produktion weit mehr Zeit investiert werden musste als gewohnt und daher auch als erwartet.

Ego:X ist ja ein Konzeptalbum. Welche Geschichte steckt hinter all dem?

Das Album handelt von unserem Protagonisten X, der sich auf eine Reise der Verwandlung begibt. Langsam nimmt er Abschied von seinem alten Leben und verwandelt sich in etwas Neues. Er schaut wehmĂŒtig zurĂŒck und hoffnungsvoll nach vorn, er ist enttĂ€uscht und verletzt, hilflos und orientierungslos. Am meisten aber verabscheut er seinen Zustand und begehrt das GefĂŒhl der StĂ€rke. Der Schritt, den er macht, liegt nahe, und doch ist es ein schwerer, großer Schritt, der ihn durch seine eigenen erinnerungs- und angstgeprĂ€gten GefĂŒhlswelten taumeln lĂ€sst. Ein Kampf zweier Ichs entsteht, ein Streben nach VerĂ€nderung, ein letztes AufbĂ€umen vor der Kapitulation.

Ist die Geschichte rein fiktional oder auch autobiografisch zu verstehen?

Eigentlich ist es bei unseren Alben schon immer so gewesen, dass eine Vermengung von RealitĂ€t und Fiktion und von Wahrheit und Phantasie stattfindet. Auf diese Weise verschleiere ich natĂŒrlich meinen autobiographischen Anteil und ermögliche es dem Hörer/Leser sich selbst in unseren Worten wiederzufinden. Ich mag zudem keine eindeutige Literatur. Ich liebe es, wenn auf diese ungewöhnliche Art und Weise Kommunikation stattfinden kann zwischen dem, der schreibt, und dem, der liest oder hört. Das Leben verĂ€ndert den Menschen, und die Menschen verĂ€ndern das Leben. Eben dieser Zyklus ist etwas, dem X entfliehen möchte. Er will ausbrechen aus seiner Umlaufbahn und sich selbst eine neue Welt erschaffen. Durchaus ein Wunsch, den viele Menschen in sich tragen; wirklich ausleben werden ihn aber wohl die wenigsten. Diese seine Reise haben wir sozusagen begleitet. Ein spannender Prozess der VerĂ€nderung, eine Reise durch Reue, Erinnerung, Angst, Wut, GlĂŒck, Zuversicht, Hoffnung und Isolation.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Amelia Brightman, und wie war es, Dein erstes Duett zu singen?

Über eine gemeinsame Bekannte lernte ich Amelia vor ein paar Jahren kennen. Wir blieben in Kontakt, trafen uns, wenn wir in der NĂ€he unserer HeimatstĂ€dte Konzerte gaben und redeten dann viel ĂŒber Musik und philosophierten ĂŒber das, was wir gern noch musikalisch ausleben und verwirklichen möchten. Schon bald entstand die Idee, auf dem neuen Diary of Dreams-Album einen Song gemeinsam zu singen. "Push me" bot sich in meinen Augen dafĂŒr am besten an, weil es ohnehin schon ein sehr ungewöhnlicher Track ist, der sehr atmosphĂ€risch ausgelegt ist und daher gerade Amelias Stimme viel Platz zum Leben lĂ€sst. Amelia besuchte Gaun:A und mich dann fĂŒr die Gesangsaufnahmen im White Room, und so verbrachten wir ein paar Tage damit, die Gesangsparts zu planen und schließlich die Aufnahmen zu machen. Die Zusammenarbeit hat uns sehr viel Freude bereitet. Amelia ist eine unglaublich talentierte und kreative KĂŒnstlerin und SĂ€ngerin und ein unglaublich interessanter Mensch.


Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Martin Kessler (deutsche Synchronisationsstimme von z. B. Vin Diesel oder Nicolas Cage) und welche Rolle spielt seine Stimme auf dem Album?

Ein sehr ungewöhnlicher Zufall sorgte dafĂŒr, dass ich Martin Kessler kennen lernen durfte. Leider kann ich nicht erzĂ€hlen wie, da Herr Kessler sonst Nachahmer befĂŒrchtet! Seine Stimme jedenfalls hat exakt das Timbre und die Vielseitigkeit und WandlungsfĂ€higkeit, die wir uns fĂŒr X wĂŒnschten. Martin war interessiert und einverstanden, uns seine Stimme zu leihen, und so begann das eigentliche Problem: die Terminwahl. Monate zogen an uns vorbei und fast schon hatten wir aus Zeitmangel aller Beteiligten die Hoffnung aufgegeben, dass wir seine Stimme auf Ego:X erleben wĂŒrden, da kam dann doch ein kurzfristiger Recording-Termin zustande. Nun spricht Martin Kessler das Intro und Outro der CD, sowie insgesamt 7 Interludes/Elemente (die Anzahl variiert je nach CD-Edition), die das thematische Konzept zusammenhalten und die Geschichte von X nĂ€her erlĂ€utern und verstĂ€ndlicher machen. FĂŒr uns jedenfalls ist es eine Ehre und ein Meilenstein, diese Stimme fĂŒr X ermöglicht zu haben.


Wie kam es bei Ego:X zum höheren Anteil der deutschen Sprache als auf bisherigen Alben?

Das war ein rein kĂŒnstlerischer Automatismus, denke ich. Einerseits ist die PrĂ€senz der deutschen Sprache natĂŒrlich ohnehin schon durch Martin Kesslers Monologe gegeben, andererseits gab es einfach eine Hand voll StĂŒcke, die fĂŒr uns eben nur die deutsche Sprache als Klangfarbe zuließen. Sprache ist im Endeffekt auch nur ein Instrument. Bei einigen Produktionen erscheint einem dieses Instrument einfach mal besser und hĂ€ufiger geeignet, auf anderen Alben dann eben weniger gut einsetzbar.


Wie sind die Grafiken entstanden und wer hat die Bilder gemalt?

Die gesamte graphische Gestaltung des neuen Albums basiert auf GemĂ€lden von Gaun:A. Über Monate entstanden diese Arbeiten zum Teil basierend auf unsere textliche Arbeit, zum Teil begleitet von der Musik des neuen Albums. Erneut ein Zyklus also. Wir haben uns in unserer kreativen Arbeit sozusagen gegenseitig inspiriert. Die Bilder sind auf unterschiedlichste Art und Weise und in den verschiedensten GrĂ¶ĂŸen von Gaun:A erstellt worden. Es war uns sehr wichtig, ganz Ă€hnlich wie bei Nigredo, ein in sich schlĂŒssiges und homogenes graphisches Gesamtkonzept zu erschaffen. Alles hat einen Sinn. Alles eine Bedeutung. Es gibt Querverweise zu frĂŒheren Werken und Themen, aber natĂŒrlich auch völlig neue Impulse und Ideen. Die Bilder haben eine unglaubliche Tiefe und erzĂ€hlen von einer Reise, die wir begleiten durften und mit unseren Mitteln festgehalten haben.

Wer steckt hinter dem Album und welche Namen verbergen sich aktuell hinter dem Namen Diary of Dreams?

Neben Gaun:A haben Flex und Dejan musikalisch aktiv an diesem Album mitgewirkt. Alle drei sind fester Bestandteil der Band und auch auf der BĂŒhne seit geraumer Zeit an ihren Instrumenten zu bewundern. Außerdem hat Daniel Myer wie gewohnt an der Soundgestaltung mitgewirkt. Seine Arbeit ist mir sehr wichtig, und uns verbinden eine lange Geschichte und viele gemeinsame Projekte. Er weiß einfach, wie ich Diary of Dreams erleben möchte und fĂŒgt eben diese musikalischen Faszinationsmomente hinzu, die mir oftmals einfach noch fehlen, um mit einem Song restlos zufrieden sein zu können. Technisch hat uns zudem wie immer Guido Fricke als treuer Berater zur Seite gestanden und bei Schlagzeugaufnahmen und einigen Gesangsaufnahmen die Regie ĂŒbernommen. Auch Rainer Assmann hat, wie schon seit 1994, im Studio beim Endmix mit uns gemeinsam den Tönen den richtigen Klang verliehen, die anschließend von Guido Fricke die finale Pre-Mastering Politur erhielten.


Wird es in naher Zukunft vermehrt Konzerte geben? Viele Fans im Ausland warten sehnsĂŒchtig auf eine RĂŒckkehr 


Auch wir sind nun wirklich voller Vorfreude und können es kaum erwarten, die neuen Songs auf der BĂŒhne zu prĂ€sentieren. Unsere Tournee beginnt bereits in wenigen Wochen und wird sich bis weit in das Jahr 2012 ziehen. Unser Ziel ist es natĂŒrlich, so viel Konzerte wie möglich zu spielen, und wir hoffen, endlich auch mal wieder in Territorien zurĂŒck kehren zu dĂŒrfen, die wir in der nahen Vergangenheit leider nicht mehr so oft besuchen durften.


Anfang letzten Jahres wart ihr fĂŒr 18 Konzerte auf Tournee mit Unheilig. Wart Ihr mit der Publikumsresonanz zufrieden?

Die Tour hat uns wirklich großen Spaß gemacht. Wir wurden von Unheilig und Crew sehr herzlich und kollegial aufgenommen und verlebten eine vollkommen reibungslose und sehr abwechslungsreiche Tour. Mit dabei waren ja auch die Herren von Zeromancer, mit denen uns heute eine enge Freundschaft verbindet. Musikalisch wie menschlich war diese Tour ein toller Erfolg, und es hat besonders mir großen Spaß gemacht, jeden Abend auf die BĂŒhne zu gehen ohne zu wissen, was mich da draußen erwartet 
 Ich denke, wir haben es geschafft, das unheilige Publikum zu begeistern und davon zu ĂŒberzeugen, dass der Besuch eines Diary of Dreams-Konzerts bei der nĂ€chsten Tour durchaus in Betracht zu ziehen ist!


Welcher Song auf dem neuen Album bedeutet Dir am meisten?

Sowas ist immer schwer zu sagen, aber ich denke, dass „Weh:Mut“ mich einfach am meisten berĂŒhrt. In vielerlei Hinsicht ist es ein eher schwieriger und ungewöhnlicher Song, aber gerade das fasziniert mich vielleicht so sehr. Zudem war es der letzte Song, den ich fĂŒr dieses Album geschrieben habe, und irgendwie war es fĂŒr mich daher auch schon sowas wie ein erstes Loslassen von Ego:X.


Und welcher Song war am meisten Arbeit?

"Push me", das Duett mit Amelia, war natĂŒrlich aufgrund der zwei Gesangsdarbietungen, der echten Streicher, der teils echten Drums und der Bass- und Gitarrenaufnahmen an sich schon sehr viel Arbeit, aber das Mischen des Titels hat meine kĂŒhnsten Erwartungen ĂŒbertroffen und mich ans Limit meiner KrĂ€fte gebracht. Nur die Arbeit an "Undividable" vermochte da noch einen drauf zu setzen. Kein Song des Albums habe ich so oft verĂ€ndert und erneuert wie diesen. Nur gut, dass ich mich heute zurĂŒcklehnen und die fertigen Songs genießen kann.

Vielen Dank an Adrian Hates und Julietta Leingang (Contribe), die dieses interessante Interview fĂŒhrte und uns zur VerfĂŒgung stellte.

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