PETER DOHERTY – K├Âln, Essigfabrik (13.04.2011)

peterdoherty.jpg
Gesch├Ątzte Lesezeit: 5 Minute(n)

Konzert: Peter Doherty
Ort: Essigfabrik, K├Âln
Datum: 13.04.2011
Zuschauer: ausverkauft
Dauer: 115 min

Seit einigen Tagen ist der englische Skandalroc… Stop! Von vorne. Denn in meiner musikalischen Welt sind Bands wie Limp Bizkit, die Toten Hosen oder die Guano Apes Skandalrocker, nicht Peter Doherty. Ich habe nichts gegen Indieklatsch, ganz im Gegenteil; wenn allerdings selbst das ARD Morgenmagazin (das ist das schlechte Morgenmagazin; das mit diesen Sch├╝lersprecher-Typen als Moderatoren – allerdings nur, wenn Sch├╝lersprecher von den Lehrern gew├Ąhlt w├╝rden!) sich berufen f├╝hlt, vom Tourauftakt von Peter Doherty zu berichten, ist es eigentlich h├Âchste Zeit, das Weite zu suchen. Dass ich es nicht getan habe, sondern mir (aus musikalischen Gr├╝nden) das heutige Konzert des Engl├Ąnders in der K├Âlner Essigfabrik angesehen habe, war eine au├čerordentlich gute Idee, denn es war grandios!

Als wir ankamen, lief gerade das letzte St├╝ck der deutschen Vorgruppe Hands Up-Excitement, die wei├č gekleidet war und Streicher dabei hatte. Da hatte sich jemand M├╝he gegeben… Die letzten Takte klangen auch durchaus gut, mehr kann ich dar├╝ber aber nicht berichten.

Um zehn nach neun – nicht, wie ich gedacht hatte, eine Stunde sp├Ąter – kam Peter Doherty, um ein knapp zweist├╝ndiges Set, das vor allem aus Libertines- und Babyshambles- St├╝cken bestand, vorzutragen. Lediglich die L├╝cken wurden mit Liedern seines Soloalbums gef├╝llt; im Mittelpunkt standen vor allem die Libertines. Petes und Carl Bar├óts Band habe ich leider nie live gesehen, der heutige Abend war allerdings so etwas wie die Libertines light.

Zuletzt hatte ich Peter Doherty beim Berlin Festival vor knapp zwei Jahren erlebt. Damals war der S├Ąnger schrecklich fahrig, begann Lieder, um sie wieder abzubrechen und in andere ├╝bergehen zu lassen. An jenem Abend hat er mein Interesse locker weggespielt. Das Konzert war nicht nur hingerotzt (das geh├Ârt ja noch dazu), es war vor allem lieblos hingerotzt.

Auch heute war Peter Doherty chaotisch. Auch heute lie├č er Lieder ineinander ├╝bergehen, aber im Gegensatz zu Berlin damals, schien der lange S├Ąnger heute enormen Spa├č zu haben. Spielfreude, w├╝rde man beim Fu├čball sagen. Die schnoddrige Art, Konzerte zu spielen, hat den Nachteil, dass die ein oder andere Perle nicht ausreichend gew├╝rdigt wird und zwischen unendlich vielen Liedern untergeht. Dagegen steht der riesige Vorteil, dass nichts geplant zu sein scheint, und wenn wir Zuschauer Gl├╝ck haben, ein Hit nach dem anderen kommt. Eine der versteckten Perlen war heute Vertigo, das quasi im Vorbeilaufen gespielt wurde.

Apropos Vorbeilaufen… weil der Abend so stattfand wie erwartet (und angek├╝ndigt), also Peter alleine auf der B├╝hne stand, gab es eigentlich nicht viel zu sehen. Er stand eben am Mikro und spielte auf seiner akustischen Gitarre. Aber vor den Liedern und w├Ąhrend der Gesangspausen, oder an den Stellen, an denen das Publikum singen sollte, tigerte Pete ├╝ber die riesige B├╝hne oder setzte sich auf einen Verst├Ąrker. Eigentlich dachte ich, dass sie nicht mehr dabei seien, aber zu For Lovers tauchten auch wieder Peters Ballettt├Ąnzerinnen auf, mit einer von denen er, ach, das ist wieder Klatsch.

Die beiden Ballerinen (mit neuem Outfit) verschwanden wieder, kamen aber gegen Ende noch f├╝r drei Lieder zur├╝ck (an den passenden Stellen, What Katie Did, Last Of The English Roses und Salome – da umgezogen). Die eigentliche B├╝hnenshow kam aber aus dem Publikum. Pete bekam wieder reichlich Geschenke (und Bierbecher) zugeworfen. Eines, ein Schal (vom Vizemeister, oder?), kam mit Begleitbrief, den er teilweise vorlas. "Erinnerst du dich noch an mein letztes Geschenk?…" Und da dachte ich, Kuchen sei cool.

Was die "Hui, der Skandalrocker"-Journalisten gerne verschweigen (oder eher mangels Interesse nicht wahrnehmen), sind die Tatsachen, dass Peter Doherty sehr clever zu sein scheint, auch wenn er das manches Mal geschickt verbergen kann, und dass er ein musikalisches Genie ist. Die Cleverness zeigt sich auch in Peters passablen Deutschkenntnissen. Immer wieder baute er kleine ├╝bersetzte Textzeilen in seine St├╝cke ein (z.B. bei der englischen Rose, bei Katie oder sehr intensiv bei Stranger In My Own Skin, wo er den Refrain einige Male auf Deutsch sang). Das musikalische Genie wurde u.a. deutlich in der Art, wie er sein Programm gestaltete. Es gab (vermutlich) keine feste Setlist, es schien viel eher so, dass er beim Zwischenklimpern nach einem St├╝ck ├╝berlegte, was als n├Ąchstes cool w├Ąre. Und da er scheinbar viel Spa├č hatte, wurden das mehr und mehr Lieder.

Nach Lost Art Of Murder sagte der Musiker "five minute break" und ging von der B├╝hne. Er kam wieder, hatte einen Sixpack Bierflaschen in der Hand und warf die ins Publikum. Obwohl da schon 22 Lieder gespielt waren, sollten noch sieben weitere folgen.

Gut 33 Euro f├╝r ein akustisches Konzert (mit Absagerisiko) schienen vorher deftig, was daf├╝r geboten wurde, war es allerdings auch! Auch wenn ich schon anderthalb gute Babyshambles Konzerte gesehen habe, war dies der erste Auftritt mit Peter Doherty, der rundum brillant war. Endlich habe ich die Schw├Ąrmereien meiner Pariser Freunde wirklich verstehen k├Ânnen, das war gro├čartig!

Setlist Peter Doherty, Essigfabrik, K├Âln:
01. Killamangiro (Babyshambles)
02. Arcady
03. For lovers (Libertines)
04. Beg, steal or borrow (Babyshambles)
05. Tell the king (Libertines)
06. Love you but you’re green (Babyshambles)
07. Don’t look back into the sun (Libertines)
08. Fixing up to go (Babyshambles)
09. Death on the stairs (Libertines)
10. Lady don’t fall backwards
11. Carry on up the morning (Babyshambles)
12. Vertigo (Libertines)
13. Lust of The Libertines (Babyshambles)
14. What a waster (Libertines)
15. Can’t stand me now (Libertines)
16. Sheepskin tearaway
17. Time for heroes (Libertines)
18. Unbilo titled (Babyshambles)
19. Delivery (Babyshambles)
20. Last of the English roses
21. What Katie did (Libertines)
22. Lost art of murder (Babyshambles)
—- (f├╝nf Minuten Pause)
23. Fuck forever (Babyshambles) (Z)
24. Albion (Babyshambles) (Z)
25. Music when the lights go out (Libertines) (Z)
26. Blue moon (Elvis Presley u.a. Cover) (abgebrochen) (Z)
27. Salome (Z)
28. Stranger in my own skin (Babyshambles) (Z)
29. The good old days (Libertines) (Z)

Autor: Christoph Menningen
Foto: Pressepromotion

Kommentar verfassen