Cross-Linx Festival – NL-Eindhoven, Muziekgebouw/Effenaar (18.02.2011)

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Mein Hauptgrund, zum Eindhovener Cross Linx Festival zu fahren, war der Auftritt von Owen Pallett. Nachdem ich eine Weile gebraucht hatte, die Musik des kanadischen Geigers lieben zu lernen, gehört der Musiker mittlerweile zu meinen LieblingskĂŒnstlern. Dass Efterklang und The National weitere Teilnehmer des Cross-Linx sein wĂŒrden, war selbstverstĂ€ndlich auch kein Nachteil und rechtfertigte den Ausflug.

Das Cross-Linx Festival findet in vier niederlĂ€ndischen StĂ€dten an vier aufeinander folgenden Tagen statt. FĂŒr uns kam aus terminlichen und geografischen GrĂŒnden nur Eindhoven in Frage.

Die erste Station beim Eindhovener Cross Linx Festival war das Kulturzentrum Effenaar, in dessen großen Saal die dĂ€nische Band Efterklang auftrat. Efterklang waren mit einem Messing-Orchester angekĂŒndigt worden. Als das Licht ausging erschienen dann auch zunĂ€chst acht (!) BlechblĂ€ser: Horn, Posaune, zwei Trompeten, drei Saxophone und Klarinette. Und weil da schon so viele Begleitmusiker standen, ließ sich auch Efterklang nicht lumpen und erschien zu neunt, wobei das nicht ganz stimmt, weil einer dieser neun Pianist und Arrangeur Daniel Bjarnason war.

Der IslĂ€nder, der in Freiburg Musik studiert hat, hat neben seiner TĂ€tigkeit fĂŒr Efterklang u.a. auch fĂŒr Sigur RĂłs und Ölof Arnalds gearbeitet. Daniel spielte durchgĂ€ngig Klavier, stand aber immer wieder kurz auf, um das BlĂ€serorchester zu dirigieren. Allerdings ĂŒbernahm auch SĂ€nger Casper Clausen Dirigenten-Aufgaben, auch er zeigte immer wieder an, wann wer einsetzen sollte – sicher sehr nötig bei 17 Musikern auf der dafĂŒr doch recht kleinen BĂŒhne! Neben den vier Kern-Efterklang-Mitgliedern gehörten Heather Woods Broderick, ihr Bruder Peter zu den UnterstĂŒtzern, die anderen drei erkannte ich leider nicht.

Die UnterstĂŒtzung durch die BlĂ€ser war besonders und machte die Musik der DĂ€nen anders, als ich sie in Haldern erlebt hatte. Manchmal gab es ewig lange Instrumentalintros, andere Lieder gingen ineinander ĂŒber, wobei der Übergang eine BlĂ€serpartie war (Monopolist und Raincoats). Bei der Masse an Blasinstrumenten blieben die Assoziationen zu Big Band Musik nicht aus. Ich sah einige Male vor meinem inneren Auge Max Greger vorbeitröten. Andere StĂŒcke klangen mit den BlĂ€sern eher wie die CD Versionen – ach, man muss das nicht sezieren, das erzeugte Klangbild aus BlĂ€sern (auch der Efterklang Schlagzeuger spielte mindestens bei einem StĂŒck eine zusĂ€tzliche Trompete, Heather Woods Broderick Flöte), Gitarren, Keyboards und vielen Percussion-Instrumenten war einzigartig und ein großes Erlebnis!

Den grĂ¶ĂŸten KnĂŒller hatten sich die verstĂ€rkten DĂ€nen fĂŒrs Ende aufgehoben, da stimmten sie Modern Drift, einen ihrer schönsten Songs an. Er wurde aber noch etwas schöner als sonst, denn nachdem das Lied eigentlich fertig war, bildeten die siebzehn eine Polonaise und zogen mit Blasinstrumenten und Glöckchen von der BĂŒhne und durch den Saal und musizierten da weiter, es war wundervoll!

Setlist Efterklang:
01. ?
02. Alike
03. Scandinavian love
04. Harmonics
05. Monopolist
06. Raincoats
07. Modern drift

Nach dem Konzert von Efterklang im Kulturhaus Effenaar zog der Festivaltross durch die Eindhovener FußgĂ€ngerzone zum Muziekgebouw, das in einer Shoppingpassage liegt und mehrere klassische KonzertsĂ€le beherbergt. Owen Pallett war in einem der kleineren SĂ€le angesetzt, der bestuhlt war und etwa 300 Zuschauern Platz bot. Ganz gefĂŒllt war er allerdings zu Beginn nicht, parallel trat im großen Saal Sharon van Etten auf, die offenbar deutlich attraktiver wirkte.

Owen Pallett macht zugegebenermaßen gewöhnungsbedĂŒrftige Musik. FĂŒr das Radio-Ohr ist der Kanadier vollkommen unhörbar. Da die Mehrzahl des Festivalpublikums kulturinteressiert, aber nicht unbedingt Stammgast in Indieclubs war, war gut nachvollziehbar, dass die amerikanische Singer/Songwriterin den großen Saal fĂŒllte, wĂ€hrend fĂŒr Owen Pallett eine ĂŒberschaubarere Zuschauergruppe blieb.

Owens Musik ist nicht (auf den ersten Blick) eingĂ€ngig, weil im Regelfall klassische Songstrukturen fehlen. Der Musiker baut seine StĂŒcke mit eigentlich sehr einfachen Mitteln auf, er benutzt eine Geige, ein Keyboard und seine Stimme. Dabei baut er – wir haben das hĂ€ufiger beschrieben – die Lieder schichtweise auf, er nimmt zunĂ€chst etwa ein paar Geigenzupfer auf, spielt sie wiederholt ab und hat einen Rhythmus. Dazu kommt vielleicht eine Geigenspur oder eine Keyboardmelodie, die auch aufgenommen und wiederholt abgespielt geloopt werden. Im Gegensatz zu vielen (auch guten) Musikern, die sich dieser Technik bedienen, ist dieser Entstehungsprozess aber beim Kanadier so homogen, dass kein großes Vorbereiten passiert, das den Fluss des Konzerts stört.

Owen Pallett spielte ein Best Of Set. Seine letzte Platte Heartland ist vor gut einem Jahr erschienen und bildete das GrundgerĂŒst des Konzerts. Da Heartland von seinen drei Alben (die ersten beiden entstanden unter dem Namen Final Fantasy) das mit der grĂ¶ĂŸten Hitdichte ist und dazu die KnĂŒller der beiden ersten Platten und der EP A Swedish Love Story vom vergangenen September gespielt wurden, hatte der Auftritt trotz der langen Dauer von einer Stunde keinerlei HĂ€nger – im Gegenteil, ich hĂ€tte dem Kanadier gerne noch viel lĂ€nger zugehört.

Neben meinen Lieblingen „This is the dream of Win & RĂ©gine“, „Midnight directives“, „This lamb sells condos“ und den beiden Lewis-Liedern war ein GerĂ€usch der schönste Moment fĂŒr mich. Owen klopfte nĂ€mlich irgendwann auf die Decke seiner Violine. Statt eines KlopfgerĂ€uschs ergab das einen fast elektronisch klingenden, peitschenden Ton, der geloopt einen DoppelgĂ€nger eines Diskobeats erzeugte, unglaublich, auf wie viele Arten einer Geige offensichtlich Töne entlockt werden können!

Wenn man ein Haar in der Loopsuppe suchen wollte, was ich will, weil ich viel zu oft viel zu unkritisch wirke, dann war das das Fehlen eines lustigen Covers. Owen Pallett spielt hĂ€ufig vollkommen anders klingende Versionen mehr oder weniger bekannter Lieder. Es macht schrecklich viel Spaß, diese zu erkennen zu versuchen. In Eindhoven war keines dabei, obwohl gegen Ende, als der SĂ€nger um eine Idee bat, jemand hinter mir vehement Owens Caribou Cover „Odessa“ forderte. Das Cover, das ich schon einmal erlebt hatte, kam leider nicht, auch kein anderes. Aber das gibt mir einen zusĂ€tzlichen Anreiz, mich auf sein Konzert kommende Woche zu freuen. Vielleicht dann irgendwas von Lady Gaga?

Setlist Owen Pallett:
01. E is for estranged
02. A man with no ankles
03. The great elsewhere
04. Lewis takes action
05. What do you think will happen now?
06. Took you two years to win my heart
07. This is the dream of Win & RĂ©gine
08. Scandal at the parkade
09. This lamb sells condos
10. Arctic circle
11. Midnight directives
12. Many lives -> 45p
13. Lewis takes off his shirt

The National sind in den vergangenen drei, vier Jahren immer grĂ¶ĂŸer geworden und gehen mit dieser Rolle souverĂ€n um. Ihr letztes Album High Violet spĂ€testens hat sie zu einer festen GrĂ¶ĂŸe nicht mehr nur in der Indieszene werden lassen, was solche fiesen Folgen wie Morgenmagazin Ankumpeleien von Cherno Jobatey mit sich brachte. Weit weniger fies, aber auch Folge der stetig wachsenden Bekanntheit, sind Headliner-Posten bei Festivals wie diesem, bei dem die Zielgruppe eben nicht das Indiepublikum eines Haldern-Wochenendes, sondern die kulturinteressierte Szene Eindhovens war. Im riesigen Saal saßen sicher sehr viele, die nie vorher von The National gehört hatten. Und genau das machte den Charme des Festivals aus.

Wir hatten uns zunĂ€chst reflexartig in eine der ersten Reihen des Stehbereichs gestellt (der in diesem Saal nicht vorgesehen war, es war vermutlich der ebene Orchestergraben; die Leute in den ersten Sitzreihen sahen jedenfalls von der Band nichts), dann aber ĂŒberlegt, dass es neu und spannend sein könnte, sich weit nach oben zu setzen und von der Akustik des Konzertsaals berauschen zu lassen. Das taten wir, saßen schließlich fĂŒnf Meter ĂŒber dem Mischpult und sollten schnell merken, dass die Entscheidung nicht dumm war.

The National spielen keine Musik fĂŒr klassische Konzertsaale, sie haben ja nicht mal Glockenspiele im Programm. Die Amerikaner machen „Rock“musik. Efterklang oder Owen Pallett vorher – das wĂ€re naheliegend gewesen, eine laute Band in einem solchen Saal, ist eigentlich Verschwendung (des Saals). Aber das ist natĂŒrlich Unsinn; The National wirken ĂŒberall gut, wichtig ist nur, dass sie sich rau und wenig produziert anhören. Und so war es, auch wenn man das noch nicht unbedingt von Beginn an merkte, weil da mit „Runaway“ und „Anyone’s Ghost“ zwei ruhigere StĂŒcke kamen. Beide Titel hörten sich hervorragend in der atemberaubend guten Akustik des Saals an. Es war wie unter Kopfhörern. Die StĂ€rke der Kombination The National/Muziekgebouw kam aber erst beim dritten Lied „Brainy“ zur Geltung: der von SĂ€nger Matt Berninger gegrummelte Refrain in glasklarem Klang, das war schon etwas ganz Besonderes! Und es ging so weiter, „Squalor Victoria“ mit den AusbrĂŒchen des Frontmanns, mein Liebling „Slow Show“ oder „Apartment Story“, „Fake Empire“, „Mr. November“ aber auch „Terrible Love“ vom aktuellen Album – roh wie in kleinen verwanzten Hinterhofclubs aber mit der brillanten Akustik eines Saals, der fĂŒr Klassik-Orchester gebaut worden ist, das machte ganz viel Sinn und vor allem Spaß!

Zu „Wasp Nest“, dem StĂŒck von der 2004er Cherry Tree EP, erschien Owen Pallett auf der BĂŒhne. Bei dessen Konzert hatte der Kanadier noch dafĂŒr geworben, zu einem parallel zu The National stattfindenden Auftritt zu gehen, was mich zu dem Schluss fĂŒhrte, er möge die Amerikaner nicht. Offenbar ein Trugschluss: Matt Berninger stellte ihn als „unseren Freund Owen Pallett“ vor, der dann bei einigen Lieder Geige spielte, allerdings sehr dezent im Hintergrund.

Das Konzert war musikalisch ĂŒberragend, daran gibt es nichts zu diskutieren. Dem brillanten Klang hatten wir das wirkliche KonzertgefĂŒhl geopfert, das kann man aber durchaus einmal machen. Vor allem, weil wir gegen Ende dann doch noch mittendrin waren. Bei den Zugaben, als „Mr. November“ anstand, kletterte der SĂ€nger ins Publikum. Das ist ein alter Hut, wenn man die Band schon gesehen hat. Matt hatte aber jetzt besonders viel Auslauf, und den nutzte er. Er kletterte immer weiter nach oben und sang (und schrie) am Ende auf einem der Balkone sehr weit oben. Dummerweise fĂŒhrte die TĂŒr an diesem Balkon nicht wieder auf direktem Wege zur BĂŒhne, also musste sich der Amerikaner etwas anderes ĂŒberlegen: er kletterte vorne ĂŒber die BrĂŒstung nach unten, indem er eine riesige LĂŒcke von ein paar Metern ĂŒberwand und einen schmalen Weg entlang hangelte – der geheime Bruder von Lara Croft.

Es ging gut, also werden wir auch weiter großartige Konzerte dieser Band sehen. Neben der Band von „diesem Typen mit der Nazifrisur“ ist The National sicher der beste große Act, den man zur Zeit sehen mag, sofern man „guten“ Musikgeschmack hat.

Setlist The National:
01. Runaway
02. Anyone’s ghost
03. Brainy
04. Bloodbuzz Ohio
05. Slow show
06. Squalor Victoria
07. Afraid of everyone
08. Conversation 16
09. Lemonworld
10. Apartment story
11. Sorrow
12. Abel
13. Wasp nest
14. England
15. Fake empire
16. The geese of Beverly Road (Z)
17. Mr. November (Z)
18. Terrible love (Z)
19. Vanderlyle crybaby geeks (Z)

Bilder der drei hier ausfĂŒhrlicher vorgestellten Bands des Festivals befinden sich in unserer Konzertfotos Sektion (Bildkommentare sind möglich) oder direkt durch Anklicken des jeweiligen Bandfotos.

The National:

Owen Pallett:

Efterklang:

Autor: Christoph Menningen
Fotos: Michael Gamon

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