GET WELL SOON / HERMAN DUNE / PORT O’BRIEN – Bochum, Zeche (08.12.2008)

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Ein Blick auf den Kalender verheißt für viele dieser Tage nichts Gutes, denn wieder einmal steht die allseits beliebte Weihnachtszeit an und das bedeutet für die meisten Leute nur eines: Hektik pur! Ganz anderes hatte in diesem Jahr allerdings das in Berlin ansässige City Slang Label im Sinn und schickte drei ihrer besten Pferde im Stall auf eine Tour durch deutsche Lande und neben einem Auftritt in Köln tags zuvor, stand am 08.12. ein Halt in der Bochumer Zeche auf dem Programm. Bei den erlesenen Bands handelt es sich um die deutschen Vorzeigemusiker Get Well Soon, das schwedisch-französische Projekt Herman Dune und Port O’Brien aus den Vereinigten Staaten.

Letztere legten dann auch bereits um 19:20 Uhr los. Port O’Brien waren mir zuvor bereits ans Herz gelegt worden, allerdings hatte ich diese Empfehlung zunächst beiseite gelegt; ein Fehler wie sich schnell zeigte. Die Band aus Alaska ist folkig und das erste was mir zu ihnen einfiel war: Diese fünf passen zum Haldern Pop Festival wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Zudem wirkten sie sehr sympathisch. Sänger Van versuchte stets das Publikum zum mitmachen zu animieren, was ihm auch blendend gelang. Zum Beispiel als er die Anwesenden aufforderte, im Takt aufzustampfen und beim Einsatz der Drums weiter nach vorne zu rücken, was diese nach kurzem Zögern auch machten und von da ab war die Stimmung voll da. Port O’Brien zeichnet Spielfreude pur aus, sie alle wirken, als wenn ihr Leben nur aus Musik besteht und sie dem Publikum genau dieses vermitteln wollen. Insbesondere Gitarrist Zebede hüpfte stetig im Takt über die Bühne und sein Groove übertrug sich spielend auf das Publikum in der leider wohl nicht mal zur Hälfte gefüllten Zeche. Es wäre mühselig hier wieder eine Diskussion zum Thema "Warum werden großartige Musiker oft mit Missachtung gestraft" anzuzetteln, aber langsam wird es wirklich traurig.

Port O’Brien Frontman Van erinnerte mich in den ruhigen Phasen übrigens zum Teil an Adam Duritz, dem Sänger der Counting Crows. Beim letzten Song, ihrem Hit "I Woke Up Today", stand die erste Überraschung des Abends an, denn hier wurden Port O’Brien von Konstantin Gropper und drei weiteren Mitglieder von Get Well Soon unterstützt  und die Halle wurde gemeinsam zum leichten Beben gebracht. Nach vierzig Minuten endet der Auftritt von Port O’Brien und somit war ein großartiger Einstieg in den heutigen Abend geschafft.

Während der angenehm kurzen Umbaupause von knapp fünfzehn Minuten wurde die Bühne ungewöhnlicherweise wirklich mal umgebaut und verschiedene Instrumente fanden den Weg auf das Parkett, darunter eine Trompete und ein Saxophon. Auch beim Auftritt von Herman Dune (bis vor kurzem noch Herman Düne) blieb es folkig und die innere Uhr schien einige Jahre weiter zurück gestellt worden zu sein. Zunächst betrat Sänger David Ivar Herman Düne mit ausgeprägtem Vollbart allein die Bühne, um den ersten Song solo zu präsentieren, bevor die Band inklusive zweier Backgroundsängerinnen ihn in der Folgezeit unterstützte und die Zahl der Musiker auf der Bühne auf acht anwachsen liess. Die Band überzeugte mit Stilvielfalt und so wurde der Sound zeitweilig mit Salsa-Rhythmen angereichert oder gleich durch Bläsereinsatz nach New Orleans verlegt. Weiteres sympathisches Detail am Rande, dass Port O’Brien Gitarrist Zebede dem Auftritt ebenfalls aus dem Zuschauerraum verfolgte und wie bei der eigenen Musik im Takt tanzte und hüpfte, dass es eine Freude war. Gegen Ende ist David Ivar dann wieder allein auf der Bühne und spielt nur mit einer Mandoline "bewaffnet" den Song "You Don’t Know Where I’ve Been" bevor "Your Name, My Game" den fünfzig Minuten dauernden Set unterhaltend beendete und den Anwesenden noch einmal die Chance zum tanzen gab.

Die zweite Unterbrechung dauerte etwas länger und die involvierten Techniker schienen für eine kurze Zeit auch etwas ratlos, konnten die Hinderungsgründe dann aber doch schnell aus dem Weg räumen und so stand nach einer halben Stunde dem Auftritt des heutigen Headliners nichts mehr im Wege. Hinter Get Well Soon verbirgt sich eigentlich nur das Multitalent Konstantin Gropper, der im Studio alle Instrumente selbst einspielt und so quasi im Alleingang für die epischen Songs verantwortlich ist. Live ist sowas natürlich selbst für einen Konstantin Gropper nicht möglich und so wird er auf der Bühne von sechs weiteren Musikern unterstützt, darunter seine Schwester Verena an der Violine. Verena sorgt zudem für die fast opernhaften Backingvocals einiger Songs.

Die glorreichen Sieben betraten die Manege zu "Against The Glaciation", gleichzeitig das Intro zur gleichnamigen, aktuellen Veröffentlichung. Wie auf der EP folgte das für Get Well Soon Verhältnisse ungewohnt rockige "Heading Home To The Pole", das aus dem sonst oft eher aus zerbrechlichen Songs bestehenden Repertoire etwas heraussticht. Aber auch von diesen melancholischen Momenten hatten sie heute natürlich wieder einige in Petto. Konstantin war bester Laune und kündigte "Listen! Those Lost At Sea Sing A Song On Christmas Day" gleich mal als aktuellen Kracher an. Recht hat er!

Das Programm bestand aus Songs des Debütalbum "Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon", der neuen EP, aber auch aus Songs vom vor kurzem veröffentlichten Soundtrack zum neuen Wim Wenders Film "Palermo Shooting" (mit der Toten Hose Campino in der Hauptrolle), zu dem Get Well Soon auch zwei Songs beitrugen. Die Bühnengestaltung war gemäß dem Tournamen "Christmas In Adventureparks" natürlich weihnachtlich gehalten und so schwebten über Bühne und Zuschauerbereich bereits den ganzen Abend übergroße Weihnachtskugeln, die nun verschiedenfarbig beleuchtet wurden und die besondere Atmosphäre eines Get Well Soon Konzerts noch weiter unterstrichen. Konstantins Stimme ist eh über jeden Zweifel erhaben und umschmeichelt die Trompeten-, Streicher- und Gitarrenklänge in einer ganz einmaligen Weise und auch seine Schwester Verena schien gesanglich im Vergleich zum Konzert in Köln vor einem halben Jahr noch weiter zugelegt zu haben und überzeugte auf ganzer Linie. Eines der Highlights war natürlich die Single "If This Head Is Missing, I’ve Gone Hunting", das heute etwas härter und dadurch noch intensiver gespielt wurde. Nicht nur dem Publikum konnte man danach die Freude darüber ansehen.

Weiter ging es mit "Good Friday" vom oben angesprochenen Soundtrack, dass mit einem Gewitterhagel in "I Sold My Hands For Food So Please Feed Me" vom Debüt überging. Auch dieses steigerte sich live immer weiter und entlud gegen Ende all seine Energie und die der sieben Musiker. Get Well Soon gehören gemeinsam mit Polarkreis 18 ganz sicher zu den begabtesten Musikern Deutschlands, bei denen man merkt, dass sie wirklich wissen was sie hier machen und auch das hierzu notwendige handwerkliche Geschick mitbringen. Polarkreis 18 sind derzeit mit "Allein, Allein" tatsächlich allein an der Spitze der deutschen Charts, ein Platz auf den der Song auch etwas abzielte. Zum Glück werden sie auf Albumlänge aber ihren früheren Ansprüchen weiter gerecht. So zwiespältig kommerzieller Erfolg oft gesehen wird, im Fall von Get Well Soon (oder eben auch Polarkreis 18) wäre er sicher verdient. Wenn man sieht, mit welcher Selbstverständlichkeit sie verschiedenste Instrumente bis hin zu Mini-Becken oder Xylophon in ihre Songs einbauen, ist das schon beeindruckend.

Als letzten Song kündigte Konstantin "Dear Tempest-Tossed! Dear Weakened!" an, bei dem es von oben auf ihn herab schneite und das Motto noch einmal unterstrichen wurde. Positiv fiel überhaupt auf, dass die Band in der Bochumer Zeche deutlich mehr Platz auf der Bühne hatte, als seinerzeit im Gebäude 9, so dass sie sich hier in den rockigeren Phasen ordentlich austoben und den Gefühlen freien Lauf lassen konnte. Die Band verlies kurzzeitig die Bühne, kam aber nach nur wenigen Momenten zurück und es ging mit "People Magazine Front Cover" weiter, bevor uns der Höhepunkt ins Haus stand. Denn danach präsentierten sie gemeinsam mit den Bandmitgliedern von Port O’Brien und Herman Dune den Flaming Lips Hit "Race For The Price", einfach klasse und unschlagbar! Tosender Applaus war die Folge und dieser hielt auch an, als das Licht im Saal eigentlich schon wieder heller wurde und so kam Konstantin tatsächlich noch einmal heraus und strahlte über das gesamte Gesicht. Er kündigte "mangels Masse" eine weitere Coverversion an, bei der es sich um den Tom Waits Klassiker "Take It With Me" handelte, das Konstantin lediglich mit Klavierbegleitung sang und so wieder einmalseine Extraklasse unter Beweis stellte, bevor nach achtzig Minuten endgültig Schluss war.

Das war heute ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk, ein absolut unvergesslicher Abend. Drei Bands wie sie nicht besser hätten aufeinander abgestimmt sein könnten und die allein, aber vorallem auch gemeinsam auf der Bühne eine Unmenge Spaß versprühten. Und ganz oben drauf garniert mit dem zuckersüßen Sahnestückchen Get Well Soon. Eine absolut tolle Tour, die einen heraus aus dem Alltag und dem vorweihnachtlichen Stress zog und für Glücksmomente in Serie sorgte.

Bilder des Konzerts befinden sich in unserer Concert-Pictures Sektion
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Get Well Soon:


Herman Dune:


Port O’Brien:

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