Interview : SEABOUND

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Seabound sind seit Jahren ein Garant für melodische Elektronikklänge mit Tiefgang. Die Band besteht aus Martin Vorbrodt (Musik),
Frank M. Spinath (Lyrics und Gesang) und wird live von Daniel Wehmeier den den Drums unterstützt. In diesem Frühjahr veröffentlichte die Band mit "Come Forward – Live in Berlin" ein bezauberndes Live-Album, dem es gelingt, die Atmosphäre eines Seabounds nahezu perfekt einzufangen. Wir hatten die Möglichkeit mit den beiden Hauptakteuren ein Interview zu führen:

Über den Daumen gepeilt wurde kontinuierlich -alle 2 Jahre- eure ?Diskografie? erweitert. Jetzt schreiben wir das Jahr 2008 und seit der ?Double Crosser? sind die üblichen 2 Jahre vergangen. Sind das auch die Beweggründe für das Live-Album, also um weiterhin auf dem Markt präsent zu bleiben?


Martin:
Nein, das war keine geplante Marketing-Maßnahme. Es kam eher zufällig zu diesem Mitschnitt. Der Soundengineer Thomas Bölker (remastering.de) sollte eigentlich im Mai 2007 bei einem anderen Konzert Mitschnitte von Dependent-Bands für einen eventuellen Farewell-Sampler von Dependent machen, was dann allerdings wegen technischen Schwierigkeiten nichts geworden ist. Als Thomas hörte, dass wir dann einige Monate später bei ihm in der Nähe in Berlin waren, hat er uns angeboten, das Konzert mitzuschneiden. Die gute Qualität seines Mitschnitts hat uns umgehauen. Außerdem waren wir überrascht, wie gut die Atmosphäre des Konzerts eingefangen wurde. Unser US-Label Metropolis hat uns dann auch gleich angeboten, den Mitschnitt als Live-CD zu veröffentlichen, womit wir eigentlich gar nicht gerechnet haben, da Live-CDs von Elektronik-Bands ja eher eine heikle Sache sind.


Im Electro-Bereich erscheinen jährlich viele gute und weniger gute Alben. Warum sollte man sich eurer Meinung nach eine Live-CD einer Band aus diesem Sektor kaufen?


Martin:
Warum sollte man sich die CD kaufen? Marketing-Worthülsen sind ehrlich gesagt nicht meine Stärke, deshalb kann ich nur sagen dass man in das Album reinhören sollte und es kaufen sollte, wenn es gefällt. Der große Unterschied zu den Seabound-Studioalben ist die Live-Atmosphäre. Wir haben nicht 10 Konzerte aufgenommen und dann die besten Stellen zusammengebastelt, sondern es ist wirklich alles an einem Abend mitgeschnitten worden. Es ist alles authentisch, deshalb sind natürlich auch Pannen dabei, womit das Live-Album einen Gegensatz zu den doch eher perfektionistisch produzierten Studioalben bietet.

12 Songs ist ein guter Anfang für ein Album, jedoch befinden sich viel mehr Songs in eurem Repertoire. Einige eurer großen Erfolge, wie z.B. ?Smoke? oder ?Travelling? werden auf dem Album der sogenannten ?Abschiedstournee auf Zeit? vermisst. Wieso wurde diese Auswahl so gezielt getroffen?


Martin:
Nach jedem Konzert kommen Besucher zu uns und fragen uns warum wir nicht Song X oder Song Y gespielt haben. Es liegt in der Natur der Sache, dass wir bei den Konzerten eine Auswahl treffen müssen. Wir können unsere Konzerte nicht auf drei oder vier Stunden ausdehnen, und auch auf eine CD gehen nicht drei oder vier Stunden Musik. Wir ändern unsere Setlisten deshalb häufig.

Für alle, die dem Konzert in Berlin leider nicht beiwohnen konnten: Beschreibt die Stimmung, die euch und vor allem das Publikum in Ekstase versetzt haben muss, um einen Auftritt dieser Klasse abzuliefern!

Frank: Es gibt Abende, an denen einfach alles stimmt. Und das Konzert in Berlin war ein solcher Abend. Die Stimmung in der Band war den ganzen Tag über sehr gut und vor dem Konzert war ich bei Freunden gewesen. Ich bin ohnehin gern in Berlin und an dem besagten Tag kam es mehrfach vor, dass ich am Nachmittag darüber nachdachte, was ich noch alles machen wollte, bis mir wieder einfiel ?Hey, Du hast ja heute Abend ein Konzert hier?? Ich glaube, es war einfach alles ziemlich unverkrampft und wir hatten Lust darauf aufzutreten. Hinzu kam, dass wir zahlreiche Freunde im Publikum hatten, und dass manche der Fans von weit angereist waren, um uns zu sehen. Das beflügelt natürlich zusätzlich.


Könnt ihr behaupten, die Emotionen in dem Stil eingefangen zu haben, wie es in eurem Sinne war?


Frank:
Ich kann sagen, dass ich das Live-Album selbst gern anhöre, und das will etwas heißen. Ich bin nämlich selbst gar kein so großer Freund von Live-Aufnahmen. Was eine gute Live-CD jedoch von Studioproduktionen unterscheidet, ist das Unmittelbare und der Austausch von Emotionen mit dem Publikum. Insofern glaube ich, dass die Aufnahme die intensive positive Stimmung des Abends gut eingefangen hat.

Welche Rolle überhaupt spielt ein Live-Auftritt für euch, im Gegensatz zur Arbeit im Studio? Einigen ist es wichtiger ?nah bei den Menschen? zu sein, den anderen hingegen eher nicht ? ?


Martin:
Seabound-Konzerte und Seabound-Studioproduktionen sind für mich zwei Welten, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben, weshalb ich sie auch kaum vergleichen kann. Die eigentliche kreative Arbeit findet im Studio statt, wenn der neue Song entsteht, wenn aus einer Vielzahl von Ideen, Melodien und Sounds das Stück zusammengesetzt wird und wenn man wie ein klassischer Komponist Zugriff auf jedes noch so kleine Detail der Musik hat. Bei Konzerten dagegen steht eigentlich nur der Spaß und die Nähe zum Publikum im Vordergrund, nicht jedoch die Kreativität. Beide Welten gehören zu Seabound, auch wenn sie so weit voneinander entfernt sind, dass ich sie gar nicht vergleichen kann.


Mit Iris konntet ihr neben der diesjährigen Tour ja schon einige Erfahrungen sammeln. Wird die Zusammenarbeit mit Reagan und Andrew fortgesetzt? Wenn ja, wie wird das aussehen?


Martin:
Wir haben schon in der Vergangenheit mit Iris zusammengearbeitet, z.B. gab es einen Iris-Remix von Poisonous Friend auf der gleichnamigen EP. Über konkrete Projekte in der Zukunft haben wir noch nicht gesprochen, aber wir sind mit Andrew und Reagan befreundet und immer in Kontakt. Wer weiß, was sich daraus noch weiter ergeben wird.

Heutzutage ist es nicht mehr ungewöhnlich, dass sich gute Bands trennen. Aus euren Kreisen wurde solches Gemunkel aber noch nicht vernommen. Wenn man den 2-Jahres-Rhythmus zugrunde legt, besteht dann eventuell die Möglichkeit, 2010 mit einem weiteren Album aus dem Hause Seabound rechnen zu dürfen? 


Martin:
Wann das nächste Album kommt, kann ich nicht sagen. Momentan ist mein Studio zerlegt und befindet aufgeteilt in drei Orten in Deutschland und zwei Städten hier in den USA. Außerdem hat mein Musikcomputer den Transport leider nicht überlebt. Sobald mein Studio wieder einsatzbereit ist, geht es weiter. Auch das Filehsharing ist übrigens an den langen Produktionszeiten für Seabound-Alben Schuld: Während ich früher Musik noch nebenberuflich machen konnte, kann ich es jetzt durch den Zusammenbruch des Musikmarktes nur noch auf Hobby-Basis weitermachen. Dementsprechend weniger Zeit habe ich für Seabound. Weil ich aber nicht bereit bin Qualitätseinbußen hinzunehmen, dauert eine Albumproduktion dadurch natürlich länger.

Martin, du bist letztes Jahr in die USA ausgewandert. Wie wird oder könnte eine weitere Zusammenarbeit aussehen? Die Kommunikationsmöglichkeiten sind in der modernen neuen Welt ja vielseitig, so dass demnach auch neue Musik auf außergewöhnlichem Wege zustande kommen kann. Oder ist womöglich eine neue Stelle zu besetzen?

Martin: Ich schreibe und produziere die Musik von Seabound, deshalb wird es natürlich auch kein Seabound ohne mich geben. Genau genommen ist es für die Studioarbeit gar nicht erforderlich, dass Frank und ich am gleichen Ort sind. Double-Crosser, unser letztes Studioalbum, haben wir auch schon an zwei unterschiedlichen Orten aufgenommen, weil wir schon nicht mehr in der gleichen Stadt gewohnt haben. Normalerweise fange ich mit einem neuen Song an und produziere ihn fertig, bis nur noch die Vocals fehlen. Dann schicke ich den Track über das Internet zu Frank , der dann die Lyrics beisteuert und den Gesang bei sich aufnimmt. Er schickt mir wiederum seine Gesangsaufnahmen über das Internet, die ich dann bei mir in den Song einfüge und abmische. Bei dieser Arbeitsweise macht es keinen Unterschied wo auf der Welt wir sind. Nur für die Konzerte müssen wir wirklich vor Ort sein.


Mitte 2007 ? der Schock für eure Fans: Die Konzertveranstalter werden zukünftig womöglich ohne euch auskommen müssen. Könnt ihr absehen, wann es euch wieder nach Europa, ganz speziell nach Deutschland verschlägt? Ganz ehrlich, nach einer so langen Pause werdet ihr zweifelsohne erfolgreicher denn je sein ? gerade nach diesem emotionalen Live-Album!


Martin:
Wir haben nicht gesagt, dass wir aufhören, wir haben eine längere Live-Pause in Deutschland bzw. Europa angekündigt, weil Konzerte durch unsere jetzige Situation etwas komplizierter geworden sind. Nachdem wir gerade ein paar Wochen durch die USA getourt sind, wären natürlich wieder ein paar Auftritte in Deutschland an der Reihe. Ich hoffe, dass es im nächsten Jahr dazu kommen wird.


Vielen Dank für Eure Zeit, die letzten Worte gehören Euch?


Frank:
Seabound sagen Danke an euch alle!

Interview per E-Mail: Stephanie Sieler & Martin Vorbrodt & Frank M. Spinath im Mai 2008

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